Working in IT & praising digital minimalism :)

Ich hatte lange Zeit Hemmungen, offen über meine Ansichten zu unserem (digitalen) Zeitalter, zu unseren Arbeits- und Lebenseinstellungen zu reden. Ich denke, es ist auch nicht zu weit herbeigeführt, zu sagen:

seit fast 10 Jahren durchgehend in der IT-Consulting beschäftigt UND von den Grundgedanken des (digitalen) Minimalismus begeistert zu sein, ist halt irgendwie seltsam…

Auf dem ersten Blick wohl widersprüchlich und wenig verständlich – wie es in den Augen von vielen Außenstehenden wohl auch wirken mag. Ich beginne es aber immer besser zu verstehen, dass es nicht meine Aufgabe ist – bzw. nie meine Aufgabe war-, andere von meinen Gedanken zu überzeugen 🙂 Die können einfach da sein, und ich darf sie teilen. ich darf sie vertreten – ob kontrovers oder nicht.

Ich arbeite seit 10 Jahren in der IT Branche. Ich berate industrielle Großkunden auf ihrem Digitalisierungsweg, und darf dabei spannende Projekte von Prozessverbesserungen, System-Neueinführungen, im besten Fall sogar die Gestaltung neuer & innovativer Arbeitswelten begleiten. Ich bin 33 Jahre jung und gehöre damit zu der jungen-digitalen Generation, die aber noch weitestgehend analog aufgewachsen ist und sozialisiert wurde.

Und… Ich strebe „privat“ das notwendige Minimum an IT-Präsenz und -Konsum in meinem Leben an.

Ich kenne viele der neusten SocialMedia Plattformen gar nicht. Ich kenne und nutze Tik-Tok nicht, bin keine Twitter/Snapchat/Facetime Userin, bin zwar (noch) auf Facebook aber mit einem deaktivierten Account. Ich bin kein Fan von Siri, Alexa, habe kein Tablet, mein Kind hat auch keins – wie auch kein Smartphone. Und auch keinen Smartwatch oder Fitnesswatch und Youtube Channel. Für einige Jahre hatten wir nicht einmal einen Fernseher. Ich bin ziemlich überfordert mit der Auswahl an (zu vielen) Optionen, sich zu einem online Call zusammenzufinden: Teams/Hangout/Skype/Webex/was habe ich wohl vergessen.? Ich überblicke die Cloud-Speichermöglichkeiten der unzähligen Anbieter (Handy und Software-Giganten) kaum, trauere jeder Stunde nach, die mir die diversen Software-Updates / neue Funktionalitäten und Konnektivitätsprobleme bescheren.

Ich habe STRESS mit der IT in meinem Privatleben. Die Präsenz des Digitalen reißt mich sehr oft aus meiner Mitte, lenkt mich ab, zerstreut meine Aufmerksamkeit, und lässt mich oft mit dem Gefühl der Leere stehen.

Es IST schön, verbunden zu sein. Die Liebsten, die Eltern, die Kindern mal anrufen zu können, sich über ein geteiltes, gemeinsames Foto zu freuen. Es kann mal wirklich hilfreich sein, die Karte zu einem unbekannten Reiseziel kurzfristig online prüfen zu können & sich nicht zu verlaufen. Ich möchte nicht die unbestreitbare Vorteile der Digitalisierung in Frage stellen. Aber vielleicht doch…

Weil eine Frage bleibt für mich auch in der globalen / digitalen Welt sehr persönlich zu bewerten: wie viel ist GENUG für jeden einzelnen? Wie viel kann man gesund integrieren, wo liegt die Balance, wann wird eine(r) überfordert? Erkennt man überhaupt, dass man überfordert ist? Wie viele Ablenkungen, Blinken, Piepsen, Klingen, Leuchten am Tag man unbewusst auf sich wirken lässt?

Mir ist sehr bewusst – dass gewisse Fragestellungen der Digitalisierung wahre „Wohlstandsprobleme“ sind. Dass viele, ganz viele Menschen auf dieser Welt grundlegend andere Herausforderungen bekämpfen müssen – vieles davon ist fast unvorstellbar. Ich habe viel Empathie mit auf dem Lebensweg bekommen, ich fühle sehr mit allen, denen es weniger gut geht im Leben. Daher ist „jammern“ das Letzte, was ich mit meinen Worten bezwecken möchte.

Seit langen Jahren habe ich jetzt zum ersten Mal das Gefühl, dass meine Haltung zum Leben in eine Richtung zeigt, die Armut, Ungleichheit, Ungerechtigkeit weder leugnet, noch diese weiter ignorieren möchte. Ich habe immer schon ganz große Probleme gehabt mit der Lehre des Wachstums. (Damals, als BWL-Studentin der ungarischen Wirtschaftsuniversität war es nicht weniger „gegensätzlich“, als heute einen Artikel über weniger IT-Konsum als IT-Beraterin zu schreiben. Ich habe sichtlich einen Hang zu spaltenden Fragestellungen. 🙂 )

Ich glaube nicht an wirtschaftliches Wachstum. Ich glaube nicht an die Weltordnung, die ihre Berechtigung in dem Konzept des kontinuierlichen Mensch- / Umfeld- / und Umwelt-verachtenden Wachstum begründet. Ich glaube sehr stark an persönliches Wachstum, an geistig & emotionales Wachstum. Ich glaube daran, dass es an der Zeit ist, Konzepte des Miteinander, des gemeinsamen Wohles, des „Genug“ für uns zu entdecken. Weil in einer Welt, in der Wachstum in der „Außenwelt“ (an Vermögen, Macht, Einfluss, uvm.) über alles steht, passiert mit dem Menschen im Inneren folgendes: es entsteht ein permanenter Druck nach „besser“, „schneller“, „optimal“. Nach „mehr“.

Mehr zu wollen ist auch nicht schlecht per Definition. Wenn der Wunsch nach „mehr“ (Klarheit, Ausgeglichenheit, Zugehörigkeit, Wirkung) von inneren Überzeugungen kommt, ist er ein gesunder Antrieb in meinen Augen. Ich denke aber, mittlerweile kennen viele den „Druck nach mehr“ fast besser. Mehr zu kennen, mehr „dabei“ zu sein, um nichts zu verpassen. Sich besser darzustellen, mit den neusten Trends, Technologien, Updates, Features mitzuhalten. Im IT-Umfeld hat es mich immer schon intensiv getroffen: je mehr ich versucht habe, mitzumachen, umso eher hatte ich das Gefühl, irgendwie immer hinterher zu hinken. So sehr ich versucht habe meine digitale Welt zu optimieren, umso mehr Zeit, Nerven und Enttäuschung hat sie mir gekostet.

Bis ich eines Tages eine unbewusste, pragmatische Entscheidung getroffen habe: GENUG. Ich will nicht mehr. Ich möchte selbst überlegen und entscheiden: was brauche ich wirklich? Was tut mir gut? Wie viel tut mir gut? Wie viel Technologie muss und soll es für mich wirklich geben? Ich glaube nicht, dass es eine richtige Entscheidung für diese Frage gibt. Die Überlegung ist aber goldrichtig. Der Moment des Bewusstwerdens, dass man selbst die Macht über die eigene Einstellung, die eigenen Entscheidungen hat. Dass man sich ganz bewusst für und gegen etwas entscheiden kann. Dass man das – im aktuellen Moment- gesunde Maß an ALLEM selbst bestimmen kann… Der ist ein ganz schöner. Und wegweisender.

Meine Liste ist auf mein gesundes Minimum reduziert. Ich habe den einen Laptop, mit dem ich gerne arbeite und gerade auch schreibe. Ein Handy, das so ist und tut – wie ich es möchte. Und einen Fernseher für gute Film- und Fussballabende strikt mit selbst steuerbaren Streaminginhalte. Ende. Für viele wäre das ein Luxus, für manch andere unverständlich wenig. Für mich ein radikales & bewusstes downsizing, weniger, nicht-mehr. 🙂

Wie viel ist (dein) genug?


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