Ich mag es langsamer und weniger – auch wenn es dauern wird, bis die Welt mir das glaubt…

Mach etwas Gutes, Neues, was so gar nicht deinem Charakter entspricht. Wenn du die Landkarte verletzt, die andere Menschen von dir haben, dann hast du ihre Aufmerksamkeit, und sie beginnen, dich neu zu Mappen. Wenn du das weiter so machst, dann ändern sich ihre Landkarte von dir und die Art und Weise, wie sie mit dir interagieren.

David Schnarch – Brain Talk

Ich habe des Öfteren folgendes Zitat gelesen und zugegeben: der Inhalt hat mich nicht wenig irritiert. Ich fand es provokant, fast ignorant, und gleichzeitig hat es in mir das Gefühl geweckt, als wäre es in Ordnung, die Verantwortung für die früheren „Versionen unseres Selbstes“ abzulegen, abzuwälzen. Jedoch nagt der Satz seit längerer Zeit an mir und ich habe heute eine leicht andere Meinung dazu, als früher:

Ich wurde in letzter Zeit öfters damit konfrontiert, wie man mich „bisher“ gekannt hat und wie man bisher nicht den Eindruck von mir gewinnen konnte: ich würde mir prinzipiell ein fokussierteres, langsameres Leben wünschen. Ich habe den Satz: „Du bist ja gar nicht so langsam, wie Du es von dir glaubst“ sehr zu Herzen genommen. Musste und durfte ganz viel darüber nachdenken, wie das Eigenbild und das Fremdbild oft komplett auseinander gleiten können. Die Gedanken haben mich seitdem intensiv beschäftigt: WIE positioniert man sich neu in den Augen der Welt? Wie gestaltet man das Bild von sich neu, wenn man sich in dem Alten einfach überhaupt nicht mehr bequem und zuhause fühlt? Was, wenn man wirklich aus den alten Schuhen gewachsen ist? Wenn man einfach nicht mehr so ist und nicht mehr so sein möchte, wie manche einen früher kennengelernt haben?

ICH für mich spüre es ganz deutlich: so wie ich früher war, das Tempo mit dem ich mein Leben früher gelebt habe und insbesondere durch meine Zwanzigern gerast bin, will und kann ich nicht mehr rechtfertigen. Ich bin nicht mehr die gleiche Person. So viel hat mich seitdem gelehrt, geprägt; so viele Prioritäten haben sich seitdem verschoben. Ich sehne mich nach nichts mehr, als das Leben achtsamer, langsamer, weicher, genügsamer und gelassener anzugehen. Ich möchte nicht mehr nach vorne laufen. Ich möchte nicht mehr alles kontrollieren. Wenn es manchmal noch so wirkt, freue ich mich extrem über meine eigenen Erkenntnisse und über die -noch zu übende- Fähigkeit, immer wieder innehalten zu können und mein Verhalten hinterfragen zu können: was treibt gerade das Bedürfnis der Kontrolle, was macht mir Angst, was verunsichert mich, welche Bedürfnisse habe ich übersehen, um die innere Enge zu verspüren? Es klappt bei weitem nicht immer. Aber definitiv immer öfters, und das ist ein Segen für die getriebene Seele.

Ich sehe, dass viele mich -noch- nicht durch andere Augen sehen können. Dass für manche die Veränderungen befremdlich und seltsam sind. Ich sehe die Gedanken durch manche Köpfe rauschen: sie spinnt da wohl gerade, sie ist seltsam, sie verhält sich komisch. Und ich gebe es zu, noch immer kommt in mir das Bedürfnis hoch, mich und meinen Weg rechtfertigen zu wollen. Und genau das ist es wahrscheinlich, womit ich mich kleiner, verletzlicher und unsicher wirkend mache. Weil es eigentlich keine Rechtfertigung braucht. Nicht einmal eine Erklärung. Zu sich zu stehen, die inneren Werte zu leben und sich zu verändern – so lange es nicht GEGEN andere gerichtet und nicht auf Kosten anderer vollzogen wird -, bedarf keine Rechtfertigung, auch nicht eine Bestätigung von außen.

Wie schön ist es eigentlich, einfach zu gehen.? Nicht auf die Zustimmung warten, nicht auf das Gutheißen und vor allem nicht ständig den Kurs ändern abhängig von den (un)ausgesprochenen Rückmeldungen der Außenwelt. Aber wie viel Mut bedarf es… Ich beginne das englische Wort „brave“ erst neulich zu verstehen. Ich konnte früher recht wenig mit ihm anfangen – heute spüre ich es immer präsenter.

It is a very brave thing to pave and walk your own way…

Mein Weg führt Richtung „Langsam“, „Weniger“, „Einfacher“. Noch nie haben sich für mich so einfache Wörter so stimmig angefühlt. Noch nie habe ich erleben dürfen, dass allein der Gedanke an eine dieser Wörter (Konzepte), mir innere Ruhe bereitet, mich entspannt, mich leichter atmen lässt. Fast ausnahmslos kann ich jede Situation für mich entschärfen und entmächtigen, in dem ich mir die Fragen stelle:

  • Ist das alles – in dem Ausmaß – wirklich notwendig?
  • Ist es wahr? Ist das, was ich empfinde real oder einfach nur meine Wahrnehmung der Dinge, die ich aber auch hinterfragen und vielleicht sogar widerlegen kann?
  • Geht es nicht anders / langsamer / stimmiger / weniger?
  • Brauche ich das wirklich – seien es Gegenstände, Zielsetzungen oder sonstige Wunschvorstellungen jeglicher Art?
  • Muss ich wirklich? Was, wenn ich DARF, aber nicht muss? Reagieren, mich drauf einlassen, teilnehmen?

Die Wörter ‚less‘, ‚weniger‘, ‚langsamer‘ haben eine ziemlich breite Bedeutung für mich. Ich werde hier sehr gerne über all die Überlegungen schreiben, die in mir über die Zeit diesbezüglich gewachsen sind. Eines haben sie aber auf jeden Fall gemeinsam: sie helfen mir IMMER, das Erlebte in der Welt nicht -immer- automatisch auf mich einwirken zu lassen, nicht automatisch dem Tempo und der Richtung der Außenwelt zu folgen und diesen ganz wichtigen Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion aufzumachen.

Ich kann kaum in Worte fassen, wie dankbar ich für diese Millisekunden bin, die mir eine ganz neue Welt des Daseins aufgezeigt haben. Ein Leben in Richtung Selbstbestimmtheit statt permanenter Reaktion auf die Geschehen in dem Leben.

Geht vielleicht auch heute etwas „weniger“?


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