Motherhood with depression

Ich glaube nicht, dass es mir auf den ersten Anlauf gelingen wird, all meine Gedanken und Gefühle über dieses Thema auf den Papier zu bringen. Ich glaube sogar, dass dieses das Thema ist, worüber ich viel mehr schreiben möchte und muss. Ich habe hunderte Bücher gelesen, hunderte Therapiestunden genossen (das tat ich wirklich), ewig lange Gespräche geführt, mich erkundigt, mich weitergebildet, mich unermüdlich versucht zu Antworten, zu einem besseren Verständnis zu verhelfen: wie bin ich, wie funktioniere ich, warum wiederhole ich gewisse Muster so hartnäckig in meinem Leben, was braucht es, um innere, emotionale Blockaden langfristig zu lösen, zu heilen… Das alles hat mir sehr viel geholfen und hat mich zu der Person geformt, die ich heute bin. Das steht außer Frage. Der Mutter in mir geht es allerdings noch immer anders. Sie leidet mehr, als die restlichen Teile in mir. Und sie muss sich diesen Wahrheiten stellen.

Als ich meinen Sohn auf die Welt gebracht habe in 2014, hatte ich bereits 10 Jahre Erfahrung hinter mir mit meinem Paket: mit den wiederkehrenden schweren Depressionsepisoden, Angststörungen, Essstörungen. Ich war jung, ich WOLLTE dieses ganze Paket mit meinem Willen, mit meinem Kopf, mit dem Ego „wegdiskutieren“, unter Kontrolle bekommen und bestenfalls einfach ignorieren – als wäre es weg, als wäre es aufgearbeitet, als hätte ich es „in den Griff bekommen“.

So hat sich das angefühlt mitten in meinen Zwanzigern, schwanger, frisch verheiratet: ich WOLLTE glauben, und dieses Glauben auch leben: mir geht es gut, ich bin über diese Vergangenheit hinweg, ich stehe stabil im meinem Leben und ich kann mit der Kraft der Gedanken, mit meinem rationalen Teil die emotionalen Tiefen in mir kontrollieren. (tja… wozu all die Lektüre, frage ich mich heute… Ich wollte aber eine Lösung finden, und zwar sofort, damit ich mich meinen alltäglichen Aufgaben stellen kann.)

Dann kamst Du, du wunderbares kleines Wesen mit deiner Urkraft, die mich binnen Tagen durchgerüttelt hat. Ich weiss, dass alles in unserem Leben so kommt, wie es kommen soll, damit wir zur richtigen Zeit durch die richtigen Aufgaben angehalten werden, an uns zu arbeiten. Aber auf unsere Reise, auf Dich und mich, war ich auf keinster Weise gefasst und vorbereitet. Unser schwerer Start, die traumatisierende Geburt, die schwere Geburtsinfektion, die tagelange Trennung, die Kinderintensivstation – alles hat seinen kleinen Teil dazu beigetragen, dass ich binnen einer Woche mich tiefer gefühlt habe, als je in meinem Leben: verzweifelt, überfordert, geplagt von Schuldgefühlen, mit viel Widerstand und Wut und mit der Tür weit offen, durch die all das unterdrückte, „wegdiskutierte“ plötzlich wieder DA war.

Wahrscheinlich hätte ich auch bei einem „leichteren“ Start, bei einem halbwegs normalen Wochenbett, Eingewöhnung und Kennenlernphase meine Schwierigkeiten gehabt und wäre nach gewisser Zeit ähnlich angestanden. Aber auch heute, wenn ich an unsere Geschichte zurückdenke, spüre ich diesen Knoten im Hals: ich kann kaum beschreiben, wie überfordert ich mich gefühlt habe. Und wie es mein Herz zerrissen hat, mit den Gedanken zu sein: „warum ich es Dir nur angetan habe“.

Heute, sieben Jahre später und mit den „richtigeren“ Schritten durch den Heilungsprozess hinter mir, kann ich es zumindest in Worte fassen. Heute weiß ich, dass es ganz normal, gewollt und schön ist, genau solche gewaltige Momente im Leben erleben zu dürfen, um uns NICHT vor unseren Wahrheiten verstecken zu können, um uns zu konfrontieren und darauf hingewiesen werden zu können: wo wir hinschauen müssen, wo noch Arbeit vor uns liegt. Das ist nun mal so, das ist auch in Ordnung so. Was mir noch immer Schwierigkeiten bereitet, zu akzeptieren: was tun, wenn es eben nicht mehr nur um uns geht, wenn wir nicht mehr nur für uns arbeiten müssen (!), sondern, um die Integrität, das Herz, die Seele eines anderen menschlichen Wesens zu schützen, liebevoll ins Leben zu begleiten.

Ich fühle mich, noch immer, permanent SCHULDIG. Für alles. Ich fühle mich schuldig, eine Mutter geworden zu sein. Öfters als es mir recht wäre kommen die Gedanken in mir hoch: ich hätte es besser wissen müssen, was ich in mir trage, und ich hätte es besser keinem anderen Menschen (Du BIST seit Sekunde eins ein großer und großartiger Mensch, nicht nur ein Kind!!!) das „antun“. Dieser Gedanke ist real. Und er ist giftig, lähmend und nagt noch immer sehr an mir. Der Glauben, dass wir alle mit einer gewissen Lebensaufgabe auf die Welt kommen und uns unser Schicksal mitsamt unserer Ursprungsfamilie irgendwie selbst auswählen, hilft mir viel – rückwirkend wie im Hier und Jetzt. Ich versuche mich regelmäßig daran zu erinnern, dass ich es nicht alles selber in der Hand habe. Dass ich nicht alles alleine verantworte, dass es sogar echt schräg ist zu glauben: ich hätte so viel „Macht“ über Gottes Angelegenheiten… Trotzdem lebt noch immer der Teil in mir, dieser Schmerz, der mich oft komplett überflutet: ich hätte vielleicht keine Mutter werden dürfen.

Und dann… Ich glaube eigentlich auch nicht mehr an „was wäre wenn, und wie wäre es besser gewesen…“. Alles, was passiert ist, ist mit einem guten Grund passiert, auch wenn uns dieser manchmal recht lange verborgen bleibt. Alles, was ist – hat auch seinen guten Grund zu sein. Und alles was kommt… Darüber muss ich einmal separat schreiben 🙂 Mich fasziniert das Thema immer mehr, dass es eigentlich KEINE Zeit und keine Relevanz gibt ausser HIER und JETZT.

  • Zu akzeptieren, dass ich die „Zukunft“ gerade jetzt gestalte – in dem ich heute tue, was ich tue, denke und fühle, was ich denke und fühle und mir bewusst oder unbewusst wünsche, was ich mir wünsche -, fällt mir immer leichter.
  • Zu akzeptieren, dass die Vergangenheit nicht mehr ist, unveränderbar aber gleichzeitig relativ ist, und sich daran festzuhalten der größte Feind ist, um den Jetzt und damit auch die „Zukunft“ zu gestalten – das fällt mir viel schwieriger, weil ich eben die Schuldgefühle nicht mehr einfach nur „wegdiskutieren“ und leugnen, sondern auflösen möchte.

Ich fühle mich schuldig, eine Mutter geworden zu sein. Ich liebe dich und werde dich immer lieben und ich konnte noch immer keinen Frieden schließen mit der Reise, die wir gemeinsam durchgemacht haben. Weil ich der „Erwachsene“ bin bzw. hätte sein müssen für Dich, dein Leuchtturm, deine Kraftquelle. Und so hat es sich jahrelang nicht angefühlt für mich. Ich hatte permanent das Gefühl, dass ich versage. Dass ich Dir nicht gerecht werden kann. Dass mein Schmerz mich einholt, lähmt und ich nicht PRÄSENT sein kann für Dich. Du konntest mich wohl lange zeit nicht spüren, nicht greifen, du hast mich lange Zeit nicht in meinem Kreis wiedergefunden, so dass Du hättest einfach in deinem sein können: zufrieden, bei Dir, die Welt entdeckend. Ich war jahrelang in einem tiefen schwarzen Loch verschwunden. Ich hatte die schlimmsten depressiven Episoden, die ich über langsam 20 Jahre erlebt habe. Ich war überfordert, ich wollte nicht sein. Ich wollte nicht leben, ich wollte, dass Du eine Mutter hast, die Du verdienst und ich habe mich nicht würdig gefühlt, diese Lebensaufgabe zu erfüllen. ALLES, was ich in meiner Kindheit unbewusst über Liebe, Bindung, Zugehörigkeit, das Bild einer Mutter abgespeichert habe, ist über mich eingebrochen. Und es war beinahe unerträglich schmerzhaft. Ich hatte die schwierigste Zeit aufzuarbeiten, was aus meiner Unbewussten hochkam, wie ich als Baby und Kleinkind in die Welt begleitet wurde. Mein Herz war täglich gebrochen:

  • für Dich, dass ich so beschäftigt war, meine Erinnerungen zu verdauen und zu heilen, um nicht DA sein zu können, aber auch
  • für Mich, weil der Schmerz, mein Unbewusstes, meine UR-Erinnerungen so traurig waren, so leer, so kalt, so lähmend.

Ich war in dem Teufelskreis gefangen: ich WOLLTE für Dich da sein und ALLES dafür geben, das Schicksal, mein Schicksal nicht zu wiederholen. Zugewandt zu sein, in Beziehung zu gehen, eine gesunde Bindung aufzubauen, auf Dich einzugehen, deine Bedürfnisse zu stillen. Ich habe Dich sehr lange gestillt, viel getragen, neben Dir geschlafen, ich WOLLTE geben, geben, geben. Ich wollte es „gut“ machen, aber es ist mir gefühlt nicht gelungen. Ich habe die Brücke nicht, oder nur sehr langsam schlagen zu können: um für Dich da zu sein UND auch meine Geschichte aufzuarbeiten, mich zu heilen, mein inneres Kind zu sehen, zu akzeptieren und zu heilen. Ich wollte eigentlich 200% gleichzeitig schaffen. Für Dich, für mich, für uns. Und das habe ich versucht, in einer Welt zu bewältigen, die mich an sich oft „zu sehr fordert“, zu schnell / laut / intensiv war. Ich habe noch nicht verstanden gehabt, dass

  • ich meinen Kreis finden muss,
  • dass ich Dich in deinem SEIN lassen darf und soll,
  • dass ich die Verantwortung und die HandlungsFÄHIGKEIT habe, unseren „gemeinsamen Kreis“, unseren Teller so groß und so voll zu gestalten, wie es uns passt. Dass es genügt und mehr nicht.

GENUG wäre genug gewesen. GENUG ist genug, immer. Ich weiss das heute. Aber ich bin auch durch Dich, durch uns geworden. Und ich habe es nicht früher verstanden. Es ist unser Weg. Ich kann auch nicht aus meiner Haut. Was ich immer hätte tun können, wäre das zu verstehen und auch wenn es in den Augen der Welt zu wenig, zu komisch und unverständlich gewesen wäre: ich hätte diese Grenzen aufzeigen können. Nein sagen können, SOOOOOOO viel öfters, als ich mich gewagt habe. Nein zu allem, was für uns nicht stimmig war. Was ich zwar WOLLTE aber nicht mittragen konnte. Wenn ich nur meine eigenen Grenzen früher gekannt habe.

Vor ein paar Tagen ist meine Nichte auf die Welt gekommen. Auch als mein liebster Neffe geboren ist, hat mich dieses gewaltige Gefühlspaket erwischt und auch damals hatte ich sehr zu kämpfen, um all diese aufbrausende Emotionen zu halten. Jetzt hat sich das ganze wiederholt – Gott sei Dank ❤ Mein Bruder hat nun 2 wundervolle, gesunde, entzückende Kinder – ich darf mich zweifach Tante nennen und möchte mein Bestes geben, diese Rolle authentisch, präsent und liebevoll zu gestalten. Mein Herz geht über mit Freude und mein Herz „blutet“ von all diesen Emotionen. Gleichzeitig. Ich habe einfach wirklich eine extrem duale Persönlichkeit mit viel Schatten und viel Sonnenschein gleichzeitig…

Ich habe hier noch viel zu tun, viel zu verdauen und viel auszusprechen. Ich schätze mich dankbar, dass ich es darf. Dass ich es nun kann. Und bin mit mehr Hoffnung erfüllt als jemals zuvor, dass dieser Weg – darüber zu „reden“ – der bisher Beste ist, um einmal Frieden schließen zu können.

Mein Kind – Du bist ein Wunder. Du bist perfekt, du bist stark, du bist integer, du bist ein Geschenk. Möge es mir gelingen, Dir dieses Gefühl fürs Leben zu vermitteln. Und möge es mir eines Tages gelingen, mich auch durch diese Augen zu sehen ❤


Hinterlasse einen Kommentar