Mein Kreis und meine Stille

Until you make the unconscious conscious, it will direct your life and you will call it fate.“ „Was man nicht annimmt, kann man nicht ändern.“ C.G. Jung

Ich danke Dir, Sandra*, für das Wissen über meinen Kreis. Für das Verständnis, dass es MICH, als eigenständige kleine Einheit auch außerhalb meiner relationalen Verbindungen gibt. Dass ich nicht nur im Kontext meiner Vergangenheit, meiner Kindheit, meiner Paarbeziehung, meiner Mutterrolle, gesellschaftlicher Rolle, usw. existiere sondern auch bzw. in erster Linie unabhängig von diesen Rollen, BIN. Dass es meine Verantwortung ist, immer wieder aufs Neue zu erspüren, wo / wie weit strecken sich meine eigenen Grenzen. Was gehört hinein, was ist noch immer außerhalb meines Kreises, auch wenn ich es mir wünschen würde, dass es hineinpasst.

Seit Jahren begleiten mich die Kreise überall hin, und helfen mir in vielen zwischenmenschlichen Situationen zu erkennen, was es mit uns allen tut, wenn wir nicht in unserem Kreis unterwegs sind. Wenn wir uns in die Kreise von anderen hineinstellen, und damit auch unseren Kreis verlassen – ganz schmerzhaft für diejenigen, vor allem für unsere Kinder, die uns dort drin spüren bräuchten, uns jedoch nicht erreichen. Wer gerne mehr über die Dynamiken und Theorien nachlesen würde, eine Herzensempfehlung: Jeannine Mit & Sandra Teml-Jetters traumhaftes Buch mit dem Titel: Mama nicht schreien! A serious gamchanger… ❤

Die Sache ist – mein Kreis ist klein. Wirklich, wirklich klein.

Ich habe sehr lange Zeit versucht, das zu ändern. Ich habe versucht an meinem Aufnahmevermögen zu arbeiten, mich robuster, stabiler, belastbarer zu machen, mich zu verhärten, mich in konsequenten Handlungen zu üben, um durch Routine die „Wände auszuweiten“. Ich habe versucht mich zusammenzureißen, über meine Grenzen hinauszugehen, mich anzustrengen. Dann bin ich immer wieder an dem Vorhaben gescheitert: ich habe mich überspannt, ich bin gerissen, ich bin erneut in ein tiefes Loch voller Selbsthass, Verachtung, Kritik, Dunkelheit gefallen, um dann erst recht von weiter unten neu beginnen zu müssen, als wo ich mich früher befand. Klingt nach einem Teufelskreis? Uh, es hat sich auch wie einer, ein gewaltiger angefühlt. Ich sage nicht, dass die Versuche und der Wunsch an sich: etwas „mehr“ zu tolerieren, ohne das Gefühl zu bekommen, man wäre überfordert, überreit, überspannt; verkehrt wären. Ich MÖCHTE noch immer und noch lange daran arbeiten, dass ich möglichst viel aus der Welt aufnehmen und halten kann. Ich glaube aber, es hat ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Schritt gefehlt: wahrnehmen, WAS IST, statt dem, was man sich wünscht, was man haben möchte. Auch meine Begegnung mit Byron Katie’s The Work habe ich Sandra zu verdanken. Ich trage diese Frau ewig in meinem Herzen, ich hoffe sie wird es eines Tages wissen <3.

Also, was IST, wo ich stehe, sieht heute folgendermaßen aus: mein Kreis, mein Toleranzfenster – der Rahmen, in dem es mir möglichst stabil – entspannt – O.K. geht, ist sehr klein. Ich brauche ganz viel „Raum“ für mich. Raum für Stille, Raum für Ruhe, Raum für Ordnung, Raum zum Atmen. „Raum“, ohne Berührungen, ohne die Präsenz anderer Menschen, ohne Geräusche, ohne Tempo, ohne Drama, ohne Werbung, Media, Musik. In meinem Kreis ist es still, es gibt Natur, es gibt Bäume, Wasser, Wind, Sonne, Bücher, kuschelige Decken, guten Kaffee (zugegeben, auch bin ich noch kein Tee-Liebhaberin geworden, obwohl ich sie gerne werden möchte 🙂 ), Papier und Stifte zum Schreiben. Ende. Eng und ganz weitläufig – Ansichtssache. Ich fühle mich permanent gereizt und überfordert im alltäglichen Leben, selbst wenn es auf ein -für andere- denkbares Minimum reduziert wird. Ich sammele mehr Eindrücke während eines 10-minütigen Einkaufes im Lebensmittelgeschäft, als was manch anderen in einer Woche an Sinneswahrnehmungen bewusst wird. Ich möchte gerne Radio hören, bin aber nach 3 Minuten Werbung ganz mitgerissen von Gedanken, warum mich Slogan wie „Schneller, Besser, Höher, Weiter…“ zutiefst traurig machen und auf einer unguten Art triggern. Ich kann Zeitungen, Nachrichten, social media und noch so viel „normales“ aus der heutigen Zeit nur um den Preis konsumieren, dass ich bei weitem mehr Energie ins Loslassen, Ausatmen, „Vergessen“ einstecken muss, als was mir das wahrnehmen der Eindrücke gekostet hat. Ich mag es nicht mehr schneller haben. Ich mag nicht mehr unter Druck gesetzt werden, was alles noch soll / muss / gehört. Vielleicht, wahrscheinlich liegen meine Grenzen, mein „Normal“ für viele andere jetzt schon zu niedrig. Aber dort liegen sie halt.

Ich habe mir noch nie einen Gefallen damit getan, diese Tatsache und Bekenntniss zu leugnen. Etwas nicht wahrhaben zu wollen und zu einem bedeutsamen teil in uns nicht stehen zu können, der aber IST, kostet unfassbar viel Energie. Und trotz allem, scheitert gefühlt immer. Weil man nichts, was man nicht annimmt, verändern kann.

Ich saß gestern am Nachmittag mit Angst, Trauer, Bitterkeit. Ich habe geweint, weil ich nicht weiter wusste. Ich habe mich klein gefühlt, kraftlos und gescheitert. Es ging mir die letzten Wochen nicht gut. Aber. Es wäre mir nicht so schlecht gegangen, wenn ich früher den Schritt gewagt hätte, es auszusprechen: liebe Welt, egal ob das gut oder schlecht ist, lächerlich oder beachtlich: die Ereignisse der letzten Wochen und Monaten haben mich zu sehr gefordert, ich habe lange schon quasi außerhalb meines Kreises herumnavigiert und ich MUSS kurz zu mir nach hause, um Kraft tanken zu können. Ich brauche einen Tag Stille, Ruhe, keine Interaktionen, nur die Natur. Um das Tempo endlich rauszunehmen und bei mir ankommen zu können.

Seltsam… Wie wir vielleicht zuerst immer zu unserem innigsten Kern zurückkehren und diesen anerkennen müssen – auch wenn er eng und klein ist- , um überhaupt die Kraft zu haben, wieder rauszugehen, und uns auf die Welt einlassen zu können. Nur wenn man selbst den eigenen Kern verachtet und belächelt, bringt auch die dort verbrachte Zeit nicht die Heilung, die sie bringen könnte…


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