Ich wurde im Sommer 33. Ein Alter, den ich lange nicht geglaubt hätte, jemals zu erleben. Obwohl ich daran immer noch festhalte, dass das Leben schön ist. Sinnvoll, voller Kraft, voller Mysterium, Bestimmung. Schönheit. Aber warum ich ein Teil von diesem Leben bin, habe ich nie wirklich begriffen. Und so lächerlich solch ein Satz klingen mag, im Grunde muss er der Grund aller Übel sein, die mich VOM Leben fernhalten und aus ihm immer wieder wegreißen wollen.
Ich bin jung, gesund, schlau, ehrgeizig, zielstrebig, lustig, warmherzig, empathisch, offen, gesellig, intelligent, achtsam, neugierig. Und ich lebe seit über 15 Jahren mit Depressionen, Essstörungen, Suizidgedanken, Gefühlen der Selbstverachtung, Ziel- und Sinnlosigkeit. Ich wünsche mir in regelmäßig wiederkehrenden Phasen meines Lebens, dass es nur „irgendwie aufhören könnte“. Dass ich irgendwie doch bitte aussteigen könnte, dass der Gedankenkarussel ein Ende haben könnte. Ich MÖCHTE mich nicht so fühlen, ich möchte diese Phasen im Leben nicht immer wieder durchmachen, da sie mir unsagbar viel Energie und Lebenslust kosten und ich mich gefühlt immer vom Boden zusammenkratzen muss, um dann irgendwie wieder in die Spuren zu finden. Ich möchte stabiler DA sein, ich möchte mich halten können, ich möchte nicht permanent ins große schwarze Loch fallen. Ich habe über die Jahre extrem viel dazugelernt, wie ich besser für mich sorgen kann. Was ich alles brauche, um gut für mich selber da sein zu können. Therapie, Sport, Medikamente, soziales Netzwerk, Familie, erfüllende Arbeit, Rückzugsmöglichkeiten, Struktur im Alltag, eine bunte und sich immer ändernde Mischung der Selbstfürsorge…
Ich habe ein Kind. Ich liebe mein Kind. Ich will ihn bestmöglich begleiten und für ihn da sein, wann und wie auch immer er mich braucht. Ich nehme meine Verantwortung wahr und ich laufe nicht weg vor jeglicher mentaler / emotionaler Arbeit in meinem Leben.
Trotzdem fühlt sich ein Teil von mir permanent und widersprüchlich wie eine Versagerin. Wie jemand, der das einfach nicht kann. Nicht drauf hat und nie drauf haben wird.
So verläuft mein ganzes Leben, seitdem ich mich erinnern kann: im Spannungsfeld der Lebensbejahung und Selbstsabotage.
Ich habe mich nie getraut, darüber zu reden. Weil ich mich dafür geschämt habe, weil ich mich unglaublich allein gefühlt habe mit den Gedanken. Aber immer mehr beginne ich zu verstehen, dass genau dieses Schweigen, dieses Verstecken, „Schönreden“, Wegdiskutieren, Zähne zusammenknirschen ist es, was es so groß hat wachsen lassen und was den inneren Druck noch immer phasenweise durchknallen lässt.
Ich bin eine junge Mutter, die MIT Depressionen lebt, die sich permanent fragt, ob sie jemals hätte ein Kind bekommen dürfen, die sich ununterbrochen an Ihren Kompetenzen und Fähigkeiten zweifelt. Und ich bin auch die junge Mutter, die ihr Kind und dadurch sich selbst auch immer mehr und mehr lieben lernen möchte, den Kampf nie aufgeben möchte, lernen und heilen möchte. Es ist alles ein „UND“, das Wort das den bisher größten Fortschritt auf meinem Weg symbolisiert. Es ist kein „entweder, oder“ mehr. Ich muss nicht nur der eine oder der andere Teil von mir sein. Ich kann beides gleichzeitig sein UND ich kann sogar lernen damit immer besser zurecht zu kommen. Eines Tages vielleicht sogar richtig stolz darauf werden, dass ich das Gute trotz (oder gerade wegen) dem Dunklen habe erleben dürfen. Dass ich aus den Tiefen, die ich früher so gehasst und verteufelt habe, eines Tages vielleicht wirklich die schönsten Geschenke zaubern kann, aus denen mehr Wärme, Liebe und Glück gestalten kann als ich es mir jemals hätte erträumen können.
Wir reden immer mehr über Depressionen. Wir fangen vielleicht an, tabuisierte Themen aufzugreifen, die uns Brücken schlagen können, um unsere Nächsten besser zu verstehen. Trauma, Angststörungen, Suizid, Essstörungen. Alle für sich sehr große und komplexe Themen, die viel mehr Verständnis und Beachtung benötigen würden.
Ich fühle mich oft trotzdem noch ziemlich alleine mit den Gedanken über Mutterschaft und Langzeitdepressionen.
Ich wollte schon immer ein Buch schreiben. Ich fand immer eine Ausrede oder Begründung, warum ich das nicht kann, warum die Zeit fehlt, warum all das, was ich erzählen möchte, für niemanden anderen interessant sein könnte. Ich habe über die Jahre tausende Gründe aufgezählt, warum ich mich noch immer nicht hingesetzt habe für DAS Projekt meines Lebens. Diese Zeilen waren immer mein größter Traum.
Ich habe das Gefühl, dass ich meinem eigenen Kind so sehr viel davon, was in mir vorgeht, nicht erzählen kann. Dass er sich eines Tages genauso fragen wird, wie ich mich seit Ewigkeiten gefragt habe: WARUM ist alles so gekommen, wie es eben kam.? Was ging in meiner Mama vor, warum konnte sie für mich nicht da sein? Was ist (in) ihr passiert? Was alles hat sie mir nicht sagen / erklären / erzählen können? War da überhaupt etwas, was sie mit mir teilen wollte, mir auf den Weg mitgeben wollte?
Heute weiß und denke ich, es macht wenig Sinn, zu glauben: wir können alles und noch mehr davon, was unser Eltern vermeintlich „falsch“ gemacht haben, selbst korrigieren, auf Biegen und Brechen besser machen. Auf das wie und warum komme ich noch später, aber eines glaube ich trotzdem: JETZT ist die Zeit, es zu versuchen. Wenn da etwas ist, was wir vielleicht ändern können, das gehört JETZT gemacht. Nicht in unseren Traumvorstellungen, in unseren Hoffnungen.
Ich möchte, dass etwas nach mir bleibt, was mehr über mich erzählt und viel tiefer in die Wahrheit einblicken lässt, als die fragmentierte Erinnerungen meiner Liebsten. Ich will mich nicht erlösen oder aus der Verantwortung für die Verletzungen nehmen, die ich denen wohl zugefügt habe oder zufügen werde. Aber ich möchte „mich“ hinterlassen, ich möchte zeigen und selber besser verstehen, wo ich herkomme, mit welchem Paket ich das Leben betreten und meinem, Sohn dann das Leben geschenkt habe. Und ich möchte herausfinden, was das Beste ist, was man aus diesen Zutaten eben kochen kann. Ich werde nicht besser, als… Ich werde nicht die bestmögliche… Ich werde nicht alles besser machen können, als meine Bezugspersonen. Aber ich kann mein allerbestes geben, um die beste Version meines Selbstes zu werden. Und mit diesen Gedanken kann ich schon etwas mehr Frieden schließen, da es sich nach einem fairen Deal anfühlt für mich. Nach all den Jahren, in denen ich mich aus objektiver Sicht perfektionieren wollte und daran verständlicher Weise regelmäßig gescheitert bin, ist das ein absoluter, befreiender Paradigmenwechsel.
Ich möchte mir selber in die Augen schauen können und möchte es mir selber zugeben: WER bin ich? WO komme ich her, was habe ich auf den Weg mitgenommen, WOMIT habe ich zu kämpfen und WOBEI fühle ich mich liebenswert / selbstsicher / „gut genug“.