„Du musst nicht…“

Der Tag, an dem ich mich, die erwachsene Frau an meiner Seite gespürt habe und durch diese Erfahrung verstanden habe: ich DARF und ich KANN aus den Mustern meiner eigenen eingefahrenen Gedanken aussteigen. Ich darf mich heute NEU fühlen, die Situationen die ich durcherlebe, NEU bewerten, anders bewältigen. Ich darf auf die Herausforderungen des Hier und Jetzt eben Hier und Jetzt reagieren und nicht nur so, wie das kindliche, beängstigte Teil in mir das automatisch tun würde.

In meinen dunklen Zeiten war immer schon mein größtes Verhängnis, dass ich mich nicht zugehörig gefühlt habe. Ich habe mich einsam, wurzellos und ziellos getrieben gefühlt und wenn die Wolken sich über mich gezogen hatten, fehlte mir immer das Gefühl: ich bin nicht alleine. Ich kann mich festhalten, ich kann mich anhalten. Ich habe so lange nach der Stimme gesucht, der mir in den schwierigsten Stunden innerlich auffangen hätte können und das endlose Loch in meinem Herzen hätte sanft füllen können: Du bist okay, du bist gewollt, du bist willkommen, du gehörst hin, du bist hier wegen einem guten Grund. Du DARFST hier sein, du sollst hier sein, die Stimmen in deinem Kopf lügen dich an und nicht das Gefühl in dir, dass du es nicht wert bist, auf der Welt zu sein.

Ich war verzweifelt, regungslos: ich habe den Teil in mir so lange nicht gefunden, der diesen Gedanken sich hätte widersetzen können, dass ich mit der Zeit aufgegeben habe. Ich habe mir immer wieder die Qualen meiner eigenen Gedanken angehört und das meiste (allerdings wirklich das MEISTE), was ich geschafft habe, war es zu überleben. Auszuhalten, durch den Storm zu gehen und mich am Leben zu erhalten.

Der Wunsch nach einem Aus war oft da. Fast immer da. Ich wollte es nicht immer wieder erleben, dass diese Gedanken mir regelmäßig den Boden unter den Füßen wegziehen, dass ich mich regelmäßig nach meiner eigene Lebensberechtigung suchen und kämpfen muss. Es ist unsagbar schwer, energieraubend, zermürbend. Es raubt das Licht, die Freude, die Kraft, die Motivation, es raubt einem Lebenslust, es macht alle Türe und Fenster zu. Macht das soziale, das menschliche nahezu unmöglich, es grenzt und schottet ab. Da geht es alles nur um das Überleben, Standhalten, Durchkommen.

Ein never-ending-story, eine wiederkehrende, tragische Achterbahnfahrt. Die man nicht antreten möchte, aber der man nicht entkommen kann. Weil Hilfe von außen kann den wahren Grund der Abstürze nicht adressieren: den Kampf mit sich selbst, das Verhältnis zu sich selbst, die herabwürdigende und schädliche Selbstgespräche mit sich selbst, das verzerrte Selbstbild über und abweisende Haltung zu sich selbst. Das ist die Ebene, die man von außen nicht wirklich beeinflussen kann. Es kann einem noch so viel Liebe, Akzeptanz, Zuspruch, Bestätigung erreichen, wenn man das innerlich nicht empfangen und glauben kann, wenn man das nicht zur inneren Realität machen kann, bleibt alles auf der Oberfläche und tief drinnen herrscht trotz allem der „gute alte“ status quo. 

Ich dachte, es wird nie ein Ende haben. Oder wenn, dann wird es das physische Ende sein, ein Tag, an dem ich nicht mehr aufwache und mich dem Kampf nicht mehr stellen muss. Diesen Tag, diese Erlösung habe ich mir oft auch gewünscht. Heute weiß ich, dass ich seit über einem Jahrzehnt (leider sind es anderthalb) mit diesen Suizidgedanken gelebt habe. Dass ich, wenn es da draußen schwierig geworden ist, nachts meistens gedacht habe: siehst du, du bist für nichts gut, es wäre allen besser und mehr geholfen, wenn es dich einfach nicht geben würde. Wenn du dich und die Welt von diesem Schwanentanz befreien könntest.

Wie real, präsent und akut diese Gedanken waren, weiß ich leider auch wegen Dir, meinem liebsten Sohn. Der Moment war mitunter der schwierigste in meinem Leben zu ertragen, an dem ich verstanden habe: es bist nicht Du, der mit diesen Gedanken lebt (leben sollte), sondern ich bin es. Du hältst MIR den Spiegel vor, du verbalisierst meine Gedankenwelt, die mir über die Jahre so bekannt geworden ist, dass sie mir gar nicht mehr auffiel. An dem Tag musste ich der Gefahr in die Augen sehen, was es mit Dir machen kann, wenn ich meine Geschichte nicht wenden kann. Wenn Du neben mir so aufwachsen musst, dass ich mich tief drinnen noch immer verachte, nicht lieben und nehmen kann, so wie ich bin. Ich habe verstanden, was für eine Erbe ich dir damit hinterlasse und mit welch belastendem Gepäck ich Dich ins Leben schicken würde, wenn ich für mich keinen Weg der Genesung finden kann. Es waren Wochen der Schockgefühle, Vorwürfe gegen mich selbst, Wut, Verzweiflung. WIE kann es so weit gekommen sein? Wie kann ich Dir das antun? Was für eine Mutter hast Du überhaupt, wie kann ich jemandem so weh tun? Es ging der gleiche Gedankenkarussel los: aus dem Standpunkt der Selbstverachtung, Hass und „ich mache immer alles falsch“… 

Aber es ist dann doch etwas passiert. Vielleicht zum ersten Mal hatte ich die Stärke, die Dynamik von ein wenig Entfernung zu erkennen und innezuhalten: was für eine Veränderung kann ich erwarten und erhoffen, wenn die Ausgangslage wieder das Gleiche ist: ich bin falsch, ich bin wertlos, ich mache alles zunichte… WIE kann es ein anderes Ende haben, als alle bisherigen Runden im Ring, wenn die Bedingungen des Spiels noch immer nicht geändert werden? Es waren unglaublich lehrreiche Zeiten für mich. Ich habe in Spuren einen Gedanken fassen können, viel eher ein Gefühl in mir wachsen lassen können: ich muss gleich am Anfang den Richtungswechsel schaffen. So furchtbar egoistisch, fremd und unmöglich sich das im ersten Moment anfühlt: ich muss mich zuerst mal sanfter begegnen können, um einen Verbesserungsweg zu finden und den auch Schritt für Schritt gehen zu können, weil der alte Weg führt immer zum gleichen Ergebnis: ich bestrafe, verachte mich immer mehr, mache mich kleiner als ich mich eh schon gefühlt habe und aus der Haltung heraus ist keine Kraft, kein Glauben da, etwas in die positive Richtung zu lenken. 

Es waren vielleicht die ersten Wochen, wo ich Sätze wie diese in mir habe formulieren können: JA, ich bin deine Mama, ich liebe Dich und will bestmöglich für dich da sein. UND ich habe meine eigene Vergangenheit, meine Wunden, meine Verletzungen und ich habe noch immer extrem mit diesen zu kämpfen. Hier stehe ich. Es ist kein ABER. Es ist keine Ausrede, auch keine Schande. Es ist ein UND. Ich bin beides. Ich will das eine besser machen UND ich habe noch mit dem anderen zu kämpfen. Ich möchte, ich muss alles dafür tun, dass ich mich heile aber das nicht aus einer bestrafenden Haltung heraus, aus Scham und Selbsthass. Sondern weil ich dir das gleiche wünsche: dich selber nehmen, lieben, akzeptieren können und dir selber treu zu sein im Leben. Wie könnte ich dir nur so etwas auf den Weg mitgeben, wenn ich gleich zu Beginn all dieser scheitere und mich nicht mal in den schlimmsten Momenten mit Verständnis, Akzeptanz und wohlwollende Wärme nehmen kann. 


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